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90 Jahre SPD Senne II / Sennestadt
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90 Jahre SPD Senne II / Sennestadt

90 Jahre SPD Senne II / Sennestadt - Grußworte von Hannelore Kraft
90 Jahre SPD Sennestadt Jubiläumsveranstaltung mit Grußworten von Hannelore Kraft (NRW-SPD-Vorsitzende, jetzt NRW-Ministerpräsidentin)
90 Jahre SPD Senne II / Sennestadt - Rückblick v. Horst Thermann
90 Jahre SPD Senne II / Sennestadt - Rückblick v. Horst Thermann
90 Jahre SPD Senne II / Sennestadt - Volles Haus mit Hannelore Kraft
90 Jahre SPD Sennestadt Jubiläumsveranstaltung - Volles Haus m. Hannelore Kraft (NRW-SPD-Vorsitzende, jetzt NRW-Ministerpräsidentin)
90 Jahre SPD Senne II / Sennestadt - Bielefelder SPD-Chor
90 Jahre SPD Senne II / Sennestadt - mit dem Bielefelder SPD-Chor
90 Jahre SPD Senne II / Sennestadt - Gruppenbild m. Hannelore Kraft
90 Jahre SPD Sennestadt Jubiläumsveranstaltung Gruppenbild m. Hannelore Kraft (NRW-SPD-Vorsitzende, jetzt NRW-Ministerpräsidentin)
Fest-Vortrag von
Horst Thermann :

Menschen machen Geschichte -
Vom Wirken sozialdemokratischer Männer und Frauen in Senne II/ Sennestadt


„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor!
Hell aus dem dunklen Vergangen leuchtet die Zukunft hervor.“

Dieses Lied der Arbeiterbewegung mögen am 1. Mai 1919 die Mitglieder des Arbeitervereins „Wiedersehn“, des Arbeiter-Turnvereins „Frisch auf“, des Arbeiter-Radfahrervereins „Grüner Stern“ und des ein Jahr zuvor gegründeten Ortsvereins der Sozialdemokratischen Partei auch hier in Senne II gesungen haben. Zu den Klängen der Familien-Kapelle des ehemaligen Militärmusikers Grünewälder ziehen sie nun, nach Beendigung des grausamen Weltkrieges und der Gründung der Republik voller Stolz auf die endlich gewonnene Demokratie von Dalbke zum Silgen-Sportplatz gegenüber der Gaststätte Eikelmann. Und voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft schließt sich eine große Zahl von Gemeindemitgliedern diesem bedeutsamen Volksmarsch an.

Vorangetragen werden das Motto „Für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit“ und von Heinrich Strunk – genannt „der rote Strunk“ - die ganz neue schwarz-rot-goldene Fahne des Arbeitervereins. Dahinter schreiten die Vorsitzenden des Arbeitervereins Heinrich Bürmann, des Arbeiter-Turnvereins Fritz Schweinefuß, Fritz Niebuhr als Vorsitzender des Arbeiter-Radfahrervereins und Anton Schuck, der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins, - erstmals demonstrativ mit dem hohen Hut, dem Zylinder, der Kopfbedeckung freier Bürger seit der französischen Revolution.

Nicht nur für die Fünf – alle Mitbegründer des SPD-Ortsvereins vom 17. Februar 1918 – ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Bereits 1903 hatten sie in der damals weltabgelegenen, ärmsten Gemeinde der Senne gemeinsam mit anderen Zieglern, Forst-, Fabrik- und Bahnarbeitern den Arbeiterverein „Wiedersehn“ gegründet, - zum einen, um im Winterhalbjahr am arbeitsfreien Sonntagnachmittag gesellig zusammenzukommen, zum andern aber auch, um zur Linderung der oft großen sozialen Not in ihren Familien eine „Unterstützungskasse auf Gegenseitigkeit“ zu gründen.

Heinrich Bürmann, Ziegler und Arbeiter, hatte 1900 beim Bau der Eisenbahnlinie Brackwede-Paderborn den zugezogenen Bahn-Vorarbeiter Anton Schuck, einen bereits „eingetragenen Sozi“, kennen gelernt. Von ihm angeregt hatte er weitere sogenannte „kleine Leute“, großenteils ehemalige Schulkameraden, für den Zusammenschluss gewonnen. Und unter dem starken Einfluss von Anton Schuck waren sie in den Folgejahren auch politisch aktiv geworden:

So trat Heinrich Bürmann 1910 als einer der ersten in die Gewerkschaft ein. 1911 kandidierte er für den Gemeinderat, und mit ihm wurde zum ersten Mal überhaupt in Senne II ein Vertreter der 3. Klasse – der großen Masse der weitgehend Besitzlosen und Geringverdienenden – gewählt.

Das empörend ungerechte 3-Klassen-Wahlrecht wurde Kampfthema für den Arbeiterverein. Willi Trüggelmann berichtet über seinen Vater Heinrich Trüggelmann: „Er verdiente bei der Firma Schilling nur 49,99 Mark. Als er einen Pfennig mehr Lohn verlangte, um dadurch aus der 3. in die 2. Klasse zu kommen, wurde er kurzerhand auf die Straße gesetzt und bekam auf Grund der Geschlossenheit der Arbeitgeber in ganz Bielefeld zunächst keine Arbeit.“ Das bedeutete noch mehr wirtschaftliche Not für die Familie, denn Arbeitslosengeld gab es damals noch nicht.

Die Trüggelmanns und die Bürmanns gehörten ab 1912 denn auch zu den heimlichen Verteilern der sozialdemokratischen Zeitung „Volkswacht“ und zu den Initiatoren des Aufklärungsvortrages über das 3-Klassen-Wahlrecht, den der „Volkswacht“-Redakteur Carl Severing hier in der Senne halten sollte. Als die Gastwirte dafür keinen Saal freigaben, stellte Bauer Franz Wullenkord an der Alten Paderborner Landstraße in Sende schließlich seine Deele als Versammlungsort zur Verfügung.

Willi Trüggelmann berichtet über die folgende legendäre „Sender Severing-Schlacht“: „Konservative Bauern mit Sensen und Forken umstellten das Haus und wollten Severing verprügeln. Sie hatten aber nicht damit gerechnet, dass mein Vater mit seinen fünf Brüdern und die Grünewälders mit sechs Brüdern – alles kräftige Kerle – ihn bewachten. Mit großer Mühe gelang es ihnen und weiteren mutigen Genossen, Carl Severing aus der Belagerung herauszuschlagen und ihn sicher wieder zum Bahnhof Kracks zu bringen.“

Zu den mutigen Genossen gehörte auch Fritz Schweinefuß. Der Heizer in einem Bielefelder Eisenwerk hatte als 19jähriger den Arbeiterverein mitbegründet. Er ärgerte sich über den „arroganten bürgerlichen“ Turnverein „Jahn“ von 1910, in dem einfache Arbeiter schief angesehen wurden. 1913 gründete er deshalb den Arbeiter-Turnverein „Frisch auf“ und den Arbeiter-Radfahrerverein „Grüner Stern“. Kurz danach trat er auch dem SPD-Ortsverein Brackwede bei und wurde damit der erste eingeschriebene Sozialdemokrat aus Senne II.

Zurück zum 1. Mai 1919: Hinter der schwarz-rot-goldenen Fahne marschieren Heinrich Bürmann und Fritz Schweinefuß nicht nur als Vereinsvorsitzende. Sie sind gemeinsam mit Heinrich Trüggelmann und Heinrich Strunk auch bereits Gemeindevertreter, am 2. März für die SPD mit absoluter Mehrheit gewählt. Erstmals nach gleichem Wahlrecht für alle – endlich auch für Frauen! - für das sie mit der Arbeiterbewegung so lange gekämpft hatten.

Und mit dabei neben den vielen anderen Genossen Wilhelm Bunte, vor dem Kriege Ziegler, nun Maschinenführer bei Windel. Er wird 1921 nach dem Tode von Anton Schuck als 31jähriger zum SPD-Vorsitzenden gewählt und schafft unter großen finanziellen Anstrengungen aller Mitglieder unsere Fahne an.

Die Sozialdemokraten wissen, dass in der jungen Republik nun sie gefordert sind. Und so sind sie voller Elan in vielen Bereichen aktiv, um die notvolle Nachkriegszeit zu bewältigen, die endlich erreichte Demokratie auch auf kommunaler Ebene zu nutzen und das Gemeindeleben für alle Bürgerinnen und Bürger menschlicher zu gestalten.

Bereits wenige Wochen schon nach Gründung des Ortsvereins hatte die Konsum-Genossenschaft Bielefeld – als Selbsthilfeorganisation aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen – auf seine Initiative eine Warenabgabestelle Senne II eingerichtet, mit Fritz Schweinefuß als Lagerhalter.

Ende 1918 schon hatten Sozialdemokraten um Ferdinand Reinke einen Ortsverein des 1917 von der SPD initiierten „Reichsbundes der Kriegsbeschädigten und ehemaligen Kriegsteilnehmern“ als soziale Hilfsgemeinschaft gegründet.

Nun richtet der SPD-Ortsverein „zur Linderung der Not der ärmeren Bevölkerung“ – wie der Schriftführer formuliert – auch einen „Ortsausschuss“ der als Gliederung der Partei gegründeten Arbeiterwohlfahrt ein.

Im Arbeiterverein bildet sich um den jungen Paul Bürmann, Sohn von Heinrich Bürmann, eine lebendige Laienspielschar, die sich wegen ihres Probenlokals „Theatergruppe Heideblümchen“ nennt, mit ihren Volksstücken aber wechselnd in den verschiedenen Gaststätten der Gemeinde auftritt.

Das kulturelle Leben wird wesentlich mitgestaltet auch durch den 1912 gegründeten Männergesangverein „Einigkeit“, der 1920 unter dem Einfluss seiner zahlreichen sozialdemokratischen oder sozialdemokratisch orientierten Mitglieder dem Deutschen Arbeiter-Sängerbund beitritt.

Der Arbeiter-Turnverein „Frisch auf“ erweitert unter dem neuen Vorsitzenden Ferdinand Reinke seine Aktivitäten um Fußball- und Handballabteilungen und legt in Eigenarbeit auf der sandigen Wintersheide oberhalb des Bullerbachtals einen provisorischen Sportplatz an. Er gründet einen Spielmannszug – im Volksmund respektlos „Flöttkerkapelle“ genannt - , der bei allen Umzügen, Sportfesten und vor allem den jährlich von der SPD ausgerichteten großen Heidefesten dabei ist.

Nach der folgenschweren Inflation und Geldentwertung von 1923 und der dramatisch ansteigenden Arbeitslosigkeit ergreift Ferdinand Reinke erneut die Initiative: Er erreicht, dass Mühlenbesitzer Westerwinter „Frisch auf“ einen Teich im Bullerbachtal zur Verfügung stellt. Junge Mitglieder – arbeitslose zumeist – entschlammen ihn in mühevoller Arbeit und bauen ihn zu einem Freibad aus. Im Juni 1926 erfolgt mit einem großen Fest der Wassereinlass in das „Sennebad“. Und, einmal im Schwung, bauen die Arbeitersportler in Eigenarbeit anschließend neben dem Bad auch einen – wie sie voller Stolz berichten – „ordentlichen Sportplatz als Ersatz für den Sandacker“. Ferdinand Reinke ist damit zweierlei gelungen: arbeitslosen jungen Menschen Beschäftigung zu geben und zugleich ein erstes attraktives Sportzentrum für den ganzen Senneraum zu schaffen.

Willi Trüggelmann, der kulturell besonders interessierte junge Schriftführer des SPD-Ortsvereins, regt einen Arbeiter-Bildungsverein als Untergliederung des Ortsvereins an, übernimmt dessen Leitung und baut eine umfangreiche Bibliothek auf, offen für alle Bürgerinnen und Bürger.

Ferdinand Reinke, Willi Trüggelmann und Wilhelm Bunte sind treibende Kräfte auch im Gemeinderat und erreichen dort vor allem die Ermöglichung weiterer Wohnbebauung und den Ausbau der bisherigen Sandwege zu festen Straßen an.

Die Bevölkerung von Senne II dankt den Sozialödemokraten ihren Einsatz bei den Wahlen: Die SPD wird stets mit absoluter Mehrheit gewählt. Die Mehrheit der Stimmen reicht aber zehn Jahre lang nicht für die Mehrheit der Sitze. Und so muss bei gleicher Zahl der Sitze für die SPD einerseits und die sogenannten bürgerlichen Parteien andererseits stets das Amt des Gemeindevorstehers unter den beiden Lagern ausgelost werden. Es ist zum Verzweifeln: Im Losverfahren fällt das Amt stets an den bürgerlichen Kandidaten.

Dann aber, Anfang 1929, ist es endlich so weit. Ferdinand Reinke – von den bürgerlichen Parteien als „einfacher Arbeiter“ abqualifiziert – wird nach dem großen Wahlsieg von 1928 zum Ortsvorsteher gewählt. Und mit dem gerade erst 26jährigen Willi Trüggelmann wird gleich auch noch ein weiterer Sozialdemokrat stellvertretender Bürgermeister. Den Vorsitz von „Frisch auf“ übernimmt nun Ferdinand Reinkes Neffe Konrad Reinke, dessen Stellvertreter wird Wilhelm Buntes Neffe Willi.

Trotz aller kommunalpolitischen Erfolge der SPD erstarken auch hier die rechten Parteien nach dem New Yorker Börsensturz von 1929 und der dadurch ausgelösten chaotischen Weltwirtschaftskrise mit der Folge erneut hoher Arbeitslosigkeit. Von Nationalsozialisten in Eckardtsheim – ich zitiere Willi Trüggelmann: „antisemitischen Christen vor allem“ – werden 1931 die NSDAP-Ortsgruppe Senne II und die Sturmabteilung (SA) Senne II als erste Nazi- Organisationen im Senneraum gegründet.

Die Folgejahre sind geprägt von härtesten politischen Auseinandersetzungen, Schikanen und brutalen Gewalttaten der Nazi-Schlägertrupps gegen Sozialdemokraten auch in Senne II - bis hin zu den willkürlichen Verhaftungen, rüpelhaften Hausdurchsuchungen und dem Verbot sozialdemokratischer Organisationen nach der sog. Machtergreifung durch die NSDAP.

Dem zunehmenden Terror der SA suchen sich die Sozialdemokraten zunächst auch hier durch Bildung einer Ortsgruppe des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, des reichsweiten Kampfbundes zur Verteidigung der Demokratie, zu erwehren. Männer um Paul Bürmann, Wilhelm Weeke, Willi Trüggelmann und besonders Fritz Prante, dem unerschrockenen „Frisch auf“- Fahnenträger, schützen Versammlungen, bewachen sogar des Nachts Wahlplakate, sind wachsam, wenn die SA unterwegs ist, um Fensterscheiben bei SPD-Mitgliedern oder beim Konsum einzuschlagen, und werden dabei oft in böse Schlägereien verwickelt.

Es hilft alles nichts: Nach der „Machtübernahme“ durch Hitler am 31. Januar 1933 setzen die Nazis sofort Wilhelm Ramsbrock, den Wirt der traditionellen Sozi-Gaststätte, inzwischen aber vom Arbeiterverein zur NSDAP übergewechselt, zum kommissarischen Bürgermeister ein. Bürgermeister Ferdinand Reinke und sein Stellvertreter Willi Trüggelmann werden abgesetzt. Eine Schikane folgt der anderen. Wegen der Organisation einer Sternfahrt von 400 Radfahrern vor der letzten Gemeinderatswahl z. B. muss Willi Trüggelmann 1000 Mark Strafe bezahlen. Nach rabiaten Hausdurchsuchungen werden beide wegen sogen. Hochverrats – d. h. Anti-Nazi- Äußerungen - verhaftet und wochenlang eingesperrt. Das führt auch zu finanzieller Not ihrer Familien, denn sie müssen – ohne Verdienst – sogar noch Haftgebühr bezahlen. Wilhelm Bunte, der sich ein halbes Jahr täglich – ich wiederhole: täglich - bei Bürgermeister Ramsbrock melden muss, und der Arbeitervereins-Vorsitzende Heinrich Bürmann erhalten Auftritts- und Redeverbot.

Als Heinrich Strunk und Willi Trüggelmann zum erzwungenen Abliefern der Kasse des Arbeitervereins etwas zu spät kommen, wird Willi Trüggelmann von SA-Leuten so geschlagen, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden muss und bis 1937 Zeitinvalide bleibt. Seine Bibliothek und die des Arbeiterbildungsvereins werden beschlagnahmt und am 10. Mai auf dem Schulhof von der SA unter Gejohle öffentlich verbrannt. Beschlagnahmt werden auch die Sportgeräte von „Frisch auf“, und um seinem Verbot zuvorzukommen, löst sich der Verein selbst auf. Der Spielmannszug, der mit Unterstützung des als Nazigegner bekannten 2. Vorsitzenden der Schützengesellschaft Dalbke zunächst noch als deren Abteilung zu überleben versucht, muss unter Polizeiaufsicht seine z.T. vergrabenen Instrumente abliefern. Der Schützengesellschaft wird wegen Kollaboration sogar mit Auflösung gedroht.

Während die Fahnen von Arbeiterverein und „Frisch auf“ nach Durchsuchungen bei Heinrich Strunk und Fritz Prante gefunden und von der SA vernichtet werden, gelingt es Heinrich Strunk mit Mut und Ideenreichtum, die SPD-Fahne, das – wie er sagt - „Symbol treuer Verbundenheit“, in verschiedenen sicheren Verstecken – z.B. zwischen doppelten Wänden - über die Nazi-Zeit zu retten. Fritz Prante und seiner Frau Frieda gelingt dies wenigstens mit den Schärpen der Fahnenbegleiter, die bis 1945 unter ihrer Wäsche versteckt bleiben.

Viele Sozialdemokraten geben trotz oder wohl gerade wegen der vielfältigen Schikanen ihre Gesinnung nicht auf. Die „wasserdichten Freunde“ – wie sie sich nennen – treffen sich wechselnd immer wieder bei den verschiedenen Familien, häufig auch mit ehemaligen Bielefelder Funktionären. Ferdinand Reinke wechselt sogar seine Wohnung und zieht in den abgelegenen Waldkotten „Auf der Wippen“, wo man sich unbeobachteter fühlt. Zum heimlichen Treffpunkt wird auch ihr Sennebad, wo Bademeister Heinrich Schöbel die Genossen mit dem Hinweis auf „viel dicke braune Luft“ vor Nazi-Spähern warnt.

Gegen Ende des Krieges stellt der Kreis um Ferdinand Reinke und Wilhelm Bunte bereits Überlegungen an, wie der demokratische Neubeginn nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur gestaltet werden kann. Sie wissen, dass es erneut auf sie, die Sozialdemokraten, ankommen wird, das zu erwartende Chaos zu bewältigen und den Karren aus dem Dreck zu ziehen – wie nach dem 1. Weltkrieg.

Sie sind sich einig: Ferdinand Reinke soll wieder Bürgermeister werden, Wilhelm Bunte wird sich als ehemaliger Ortsvereinsvorsitzender um den Wiederaufbau der SPD kümmern. Und sie stimmen nach zunächst kontroversen Diskussionen Ferdinand Reinke zu: Die tiefen politischen Gräben, die durch den Nationalsozialismus auch in Senne II – z.T. sogar innerhalb von Familien -entstanden sind, sollen um des demokratischen Neubeginns willen schnell zugeschüttet werden. Rache ist nicht angesagt. Die beiden brutalen Nazi-Anführer der Anfangsjahre - Lienker und Runte - sind verzogen und können sowieso nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Die nach der „Machtergreifung“ 1933 sofort gepflanzte „Adolf-Hitler-Eiche“ allerdings soll doch von Senne IIer Nazis eigenhändig wieder ausgegraben werden.

Als die amerikanischen Truppen Anfang April 1945 Landkreis und Stadt Bielefeld besetzt und den ehemaligen Bielefelder SPD-Fraktionsvorsitzenden Artur Ladebeck als kommissarischen Landrat eingesetzt haben, beruft dieser bereits Anfang Mai Ferdinand Reinke zum kommissarischen Bürgermeister.

Wilhelm Bunte spricht sofort die gesinnungstreu gebliebenen alten Genossen und Genossinnen an: Man weiß umeinander in der kleinen Gemeinde Senne II. So sind viele schnell wieder oder neu dabei, um wie 1918 Demokratie zu wagen und aus Not und Elend von Diktatur und Krieg einen neuen Staat und eine neue Gemeinde aufzubauen.

Ferdinand Reinke stellt einen kommissarischen Gemeinderat zusammen, in den er auch die ehemals konservativen Gemeindevertreter Otto Schilling und Hans Lindemann beruft. Vor allem aber sind es Sozialdemokraten, die die schweren Aufgaben des Neuanfangs mit der Bewältigung der ungeheueren Nachkriegsnot übernehmen. Es gilt, Flüchtlinge und Heimatvertriebene zunächst provisorisch in den Gasthaussälen unterzubringen, sie dann den einheimischen Familien zuzuweisen, Lebensmittel, Kleidung, Heizmaterial gerecht zu verteilen, den heimkehrenden Männern den Neuanfang zu erleichtern, die Krankenversorgung sicherzustellen.

Aus der letzten Gemeindevertretung vor 1933 ist außer Wilhelm Bunte und Heinrich Bürmann auch Heinrich Diekmannshemke wieder dabei. Weitere alte sowie aus dem Krieg heimgekehrte jüngere Sozialdemokraten kommen hinzu und werden bei den demokratischen Wahlen ab 1946 bestätigt oder neu gewählt: Egon Vogelsang, Fritz Prante, Julius Hansmeier, Willi Bunte, Konrad Reinke, Fritz Schweinefuß jun.. Und nun sprechen endlich auch Frauen mit: Frieda Prante wird als erste Kommunalpolitikerin überhaupt gewählt, die Sozialdemokratin Hedwig Gärtner wird aus der großen Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen zur Flüchtlingsvertreterin berufen.

Viele von ihnen übernehmen über die schwere kommunalpolitische Arbeit hinaus weitere wichtige Aufgaben: Egon Vogelsang baut schon im Herbst 1945 die Arbeiterwohlfahrt auf,– nun als unabhängigen, aber parteinahen Sozialverband. Die ehemaligen „Frisch auf“-Vorsitzenden Konrad Reinke und Willi Bunte gründen ebenfalls bereits im Herbst den „Turn- und Sportverein Senne II“ (später umbenannt in „Sportfreunde“) als nunmehr einzigen, gemeinsamen Sportverein für alle. Reinhard Vormbaum, im Gemeinderat ab 1947, gründet gemeinsam mit Hermann Dierk die Ortsgruppe des „Reichsbundes der Kriegsopfer, Behinderten und Hinterbliebenen“ neu.

Nachdem die Britische Militärregierung 1946 eine Kommunalverwaltung nach britischem Vorbild angeordnet hat mit Ferdinand Reinke als Gemeindedirektor und Wilhelm Bunte als ehrenamtlichem Bürgermeister, nimmt Wilhelm Bunte ein Vierteljahr unbezahlten Urlaub – ich wiederhole: unbezahlten! -, um ganz für die Menschen bei der Bewältigung ihrer Nachkriegsprobleme da zu sein.

Der SPD-Ortsverein wird in starkem Maße von Werner Rixe als neuem Vorsitzenden aktiviert. Der 31-jährige Kriegsheimkehrer, der bereits vor 1933 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend und der SPD gewesen war, hatte schon im Sommer 1945 Kinder und Jugendliche zu einer Gruppe gesammelt, die sich sofort nach deren Gründung der Sozialistischen Jugend „Die Falken“ angeschlossen hatte. Nun gewinnt Werner Rixe auch unter den jüngeren Männern und Frauen, die die Schrecknisse des Krieges erlebt haben, neue Mitglieder der Partei,– darunter zahlreiche durch den Krieg heimatlos gewordene Neubürger. Und es ist ihm ein Anliegen, dass gerade sie in den Folgejahren auch in die politische Arbeit ihrer neuen Heimat eingebunden werden.

Innerhalb des Ortsvereins startet Frieda Prante mit der Gründung einer Frauengruppe schon bald eine Bewegung, die dann unter Gertrud Weeke, Hanna Müther und Christel Hoffmann zu immer aktiverer Mitwirkung von Sozialdemokratinnen führt und in den 90er Jahren in Sennestadt schließlich ihren Höhepunkt erreicht, als mit der Ortsvereinsvorsitzenden Birgit Wollenberg, der Fraktionsvorsitzenden Hannelore Junge, Bezirksvorsteherin Elke Klemens und ihrer Stellvertreterin Beate Rasche-Schürmann alle führenden Funktionen von Frauen ausgeübt werden.

Im Gemeinderat setzt sich die starke SPD-Fraktion unter ihren Vorsitzenden Willi Bunte und danach Walter Strunk gemeinsam mit Bürgermeister Wilhelm Bunte und dem energiegeladenen Gemeindedirektor Ferdinand Reinke nachdrücklich für den Ausbau der Infrastruktur ein. Zur Linderung der Wohnungsnot erreichen sie nach zähen Verhandlungen mit Grundstückseigentümern die Ermöglichung von Wohnungsbau u. a. in Dalbke, am Bullerbachweg und im Vennhofgebiet. Besonderes Anliegen ist ihnen der Bau einer zentralen Schule, der Vennhofschule, als gleichzeitiges Sport- und Kulturzentrum für die wachsende Gemeinde mit Turnhalle, Aula, Mehrzweckraum für Vereine und größerer Volksbücherei.

Die furchtbaren Kriegszerstörungen hatten auch in Bielefeld zu Überlegungen geführt, wie das Wohnungselend z.B. durch größere Baumaßnahmen gemildert werden könnte. Die Arbeitsgemeinschaft Bielefeld-Stadt und –Land entwickelt Pläne für den Bau einer Großsiedlung im Raum Senne II. Heftige Diskussionen um das Für und Wider beherrschen deshalb Anfang der 50er Jahre die Fraktions- und Ortsvereinssitzungen. Sie führen zur nachdrücklichen Bejahung des Vorhabens durch die SPD. Bürgermeister Wilhelm Bunte stellt allerdings die Bedingung, dass hier nicht eine reine Wohnsiedlung für Bielefeld entsteht, sondern dass auch Gewerbe und Industrie angesiedelt werden. Gegen den Willen der Stadt Bielefeld setzen die hiesigen Sozialdemokraten dieses Konzept durch und verhindern damit einen unselbständigen Satellitenvorort. Nach dem Entwurf des Stadtplaners Prof. Hans-Bernhard Reichow entsteht das Sennestadtprojekt als zukunftsweisendes Beispiel für humanen Städtebau.

Die Lebens- und Wohnbedürfnisse der Menschen und ihr soziales Miteinander stehen im Mittelpunkt aller Überlegungen. Sie finden deshalb die volle Unterstützung der Sozialdemokraten. Willi Rixe feuert die Genossinnen und Genossen an: „Dies ist unsere Stadt! Eine Stadt der SPD. Wir wollen sie gestalten!“ Der Ortsvereinsvorsitzende gewinnt deshalb von Anfang an auch zukunftsorientierte, einsatzfreudige Neubürger für eine neue, Sennestadt-repräsentative Fraktion. Dazu gehören u.a. Hans Vogt, der in der aufstrebenden neuen Stadt seinen Handwerksbetrieb gründet, Rolf Böhland, der nach sozialdemokratischem Widerstand, Zuchthaushaft und Flucht aus der DDR eine neue Heimat findet und schon bald den Vorsitz der AWO übernimmt. Und dazu gehört z. B. Heinrich Kokemohr, der als Schulleiter in dieser aufgeschlossenen Gemeinde moderne pädagogische Ideen umsetzen will und das mit einer Ganztagsschule für unsere kinderreiche Stadt schafft.

Mit dieser Fraktion unter ihrem bodenständig-realistischen Vorsitzenden Walter Strunk können die Sozialdemokraten an der Spitze in idealer Weise zusammenarbeiten: Bürgermeister Bunte mit dem nach dem Tode Ferdinand Reinkes neuen Gemeindedirektor Georg Erdmann. Nach Wilhelm Buntes Tod sein ideenreicher und tatkräftiger Nachfolger Hans Vogt mit dem neuen Verwaltungschef Klaus Meyer als kongenialem Partner. Und immer zu konstruktiver Beratung und inhaltlicher Abstimmung dabei: Prof. Reichow, der sich später in internen Gesprächen als schon lange der SPD zugehörig bekennt. (Dreier-Foto)

Und sie gestalten die wachsende Stadt – mit vielen pionierhaften Neuerungen wie u. a. der ersten Volkshochschule und dem ersten Altenklub im Landkreis, den ersten regelmäßigen Kunstausstellungen, dem Kulturring, dem Haus der Jugend als erstem „Haus der offenen Tür“, dem großen Sportzentrum mit Dreifach-Sporthalle und Gartenhallenbad, der Ganztagsschule und der Musik- und Kunstschule als zwei der ersten überhaupt in Nordrhein-Westfalen. Treibende Kraft dabei ist stets die progressive SPD-Fraktion mit der von ihr frühzeitig eingebundenen Sennestadt-Generation, allen voran Hans Vogt.

Unter der Hitler-Diktatur von einem unbeugsamen sozialdemokratischen Vater und im Krieg von furchtbaren Fronterlebnissen und schwerer Verwundung geprägt, hat er zur SPD gefunden – wegen ihres ungebrochenen Eintretens für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Frieden. Und hier in der jungen, aufstrebenden Sennestadt sieht der ideenreiche, dabei temperamentvoll-ungeduldige Handwerksmeister darüber hinaus ein ideales Betätigungsfeld für fortschrittliche Kommunalpolitik. Von seiner Devise „Nicht kleckern, sondern klotzen!“ und von seinem entsprechenden Engagement in der Kommunalpolitik und danach im Sennestadtverein bis zu seinem Tode vor einem Jahr profitiert Sennestadt über den verzweifelt von ihm bekämpften Verlust der Selbständigkeit hinaus, profitieren wir Sennestädter auf vielfältige Weise.

Hans Vogt – er gehört in die erste Reihe der hier vorgestellten Männer und Frauen, die in unserer Gemeinde als Sozialdemokraten gewirkt und sie geprägt haben. Mit ihm will ich für heute schließen. Denn wir, die wir hier und heute in ihrer Nachfolge aktiv sind in Partei und Kommunalpolitik, in Verbänden und Vereinen, wir sind noch nicht entlassen aus unserer Verpflichtung zur Mitgestaltung einer humanen Gesellschaft, einer humanen Kommune.

Für das aber, was sie, von denen ich heute berichten durfte und die stellvertretend auch für viele hier nicht genannte Mitstreiterinnen und Mitstreiter stehen, - was sie für Demokratie, Gerechtigkeit und Fortschritt insgesamt und in unserer Gemeinde im besonderen geleistet haben, für ihre geschichtliche Leistung können und wollen wir dankbar sein. Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in Sennestadt und vielleicht – ich wünsche mir und hoffe das – viele Bürgerinnen und Bürger mehr.

Horst Thermann

Sennestadt, den 19. April 2008

 
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